Ansichtssache.

Es gibt eine große Anzahl von Fotografen/Fotografinnen, deren Arbeit ich sehr wertschätze. Einer davon ist unbedingt auch Andreas Jorns. Ich mag die Reduziertheit und Ehrlichkeit in seinen Fotografien. Daraus entstehen in diesen Bildern Tiefe und Nähe gleichermaßen.

Aktuell hat Andreas Jorns in seinem Blog einen lesenswerten Artikel zum Thema Sexismus in der Fotografie veröffentlicht. Ein Thema in der Fotografie, welches man nicht übersehen kann ... und an welchem man sich auch reiben darf. Und ein Thema, wo man vielleicht auch sehr unterschiedliche Sichtweisen vorfinden wird.

Ich verstehe die Sichtweise von Andreas Jorns, stelle aber fest, dass ich manche Dinge zur aufgeworfenen Thematik hier und da etwas anders sehe. Wer meine Bilder kennt, der weiß, dass ich sexistische Zur-Schau-Stellungen meiner Modelle eher meide. Aber: Ist Sexismus wirklich ein Problem, welches man an den Pranger stellen muss? Ich zweifle. Wieviele Maler und Bildhauer haben sich in diesem Feld in den letzten Jahrhunderten ausgetobt ... und Großes dabei hervorgebracht?! Was wäre das Werk eines Charles Bukowski ohne Sexismus?! Was Rock'n'Roll und Rap??? Ich bin überzeugt, wir wären kulturell ärmer, würde es dieses Feld in der Kunst nicht geben. Auch das fotografische Schaffen eines Terry Richardson ist nicht wegen seiner vulgär-sexistischen Bildsprache zu verurteilen, sondern vielmehr wegen des ihm zur Last gelegten Machtmissbrauchs gegenüber seinen Modelle. Man sollte genauer differenzieren.

Apropos Modelle. Andreas Jorns schreibt, dass er oft beobachtet hat, wie Modelle durch allgegenwärtigen Sexismus in Depressionen stürzen. Wirklich??? Ich erlebe vielmehr, dass mehr als die Hälfte jener Frauen, die bei mir Modelle sind, bereits eine Depression in sich tragen, deren Entstehung weit vor dem Modeln zu suchen ist. Darüber lohnt es nachzudenken. Und hier zeigt sich auch, welcher großen Verantwortung man als Fotograf gegenübersteht!

Was bringt (Amateur-)Fotograf und (Amateur-)Modell eigentlich zum gemeinsamen Bildermachen? Es ist eine gänzlich freie Entscheidung beider Seiten. Recht häufig höre ich, dass es meine "etwas andere Art" von Bildern ist, welche Frauen motiviert, mit mir gemeinsam Bilder machen zu wollen. Das zeigt unmissverständlich, dass Frauen sehr wohl wissen, was sie wollen - und was sie nicht wollen. Es ist zudem eher selten, dass ich erlebe, dass Frauen unbedingt trivialen Klischees (Beispiel: Akt/Teilakt in Highheels vor schroffem Felsen) folgen möchten. Dann erzähle ich ihnen auch, warum ich für diese Bilder nicht der geeignete Fotograf bin. Was wiederum nicht bedeutet, dass ich nicht auch für gehaltvolle(!) sexistische Bilder zu überreden wäre. Die Qualität muss halt stimmen.

Womit wir wieder bei dem eigentlichen Kern des Themas wären. Es ist nicht der Sexismus das Problem, sondern die omnipräsente nicht vorhandene Qualität in diesem Zusammenhang. Das Web ist voll von trivialsten sexistisch eingefärbten Bildchen, die die Welt nicht braucht. Oder vielleicht doch??? Sollten wir in dem Zusammenhang vielleicht auch mal die Existenz von Millionen der von oben fotografierten Cappuccino-Tassen reflektieren? Oder die in ähnlicher Vielzahl vorhandenen HDR-Lost-Places-Bilder? Okay, ich scheine abzuschweifen. ;) Sicher kann man die vorhandene Masse dieser Bilder auch mit einer Sehnsucht nach Likes begründen, ich denke jedoch, dies wäre zu einseitig betrachtet. Dieses Thema ist es vielleicht wert, in einem gesonderten Blogbeitrag einmal genauer reflektiert zu werden.

Bislang wurde hier lediglich in Bezug auf weibliche Modelle über Sexismus philosophiert. Wie ist das eigentlich mit den Männern?! Nun, ich bin hierfür vielleicht nicht ausreichend qualifiziert, eine belastbare Aussage zu formulieren, denn ich fotografiere zu etwa 90% Frauen. Das liegt zu einem erheblichen Teil daran, weil ich das Gefühl habe, dass ich mit Frauen besser kommunizieren kann. Und da Fotografie für mich ein Freizeitvergnügen ist, werde ich es mir natürlich nicht unnötig schwer machen. :) Aber es liegt auch daran, weil Männer unsicherer oder klischeebehafteter sind, als man landläufig denkt. Wenn ich gelegentlich Anzeigen schalte, in denen ich ausdrücklich weibliche UND männliche Modelle suche, melden sich meist mehr als 80% Frauen. Von den wenigen Männern, die sich melden, höre ich nach dem Erstkontakt ganz oft nie wieder etwas. Warum eigentlich? Oder aber es sind Männer, die eitelkeitgesteuert schlimmste Klischees verwirklicht sehen wollen. Das will und brauche ich wiederum nicht ;) Soviel dazu. Halt, nicht ganz - denn mir fallen gerade noch die regelmäßig von der Weiblichkeit gefeierten Chippendales ein! Spätestens jetzt sollte man erkennen, dass Sexismus emanzipiert ist und sehr wohl geschlechterübergreifend gewünscht und akzeptiert zu sein scheint.

WICHTIG: Ein jeder darf und sollte für sich befinden, was er gut und was er schlecht findet. Das betrifft auch den Sexismus in der Kunst resp. Fotografie. Das ist Pluralismus, der uns wichtig sein sollte. Aber ganz egal, wie man persönlich dazu stehen mag, eines sollte Sexismus NIEMALS sein: würdelos! Und er sollte natürlich frei von Missbrauch sein. Das wäre ein erstrebenswerter Konsens, finde ich.

Ups, das ist jetzt doch mehr Text geworden, als geplant - ich hoffe, ich habe weder gelangweilt, noch zu sehr provoziert. ;)

Viel Spaß beim Nachdenken.